07 May 2026, 12:09

Philipp Graf enthüllt Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und DDR-Verdrängung

Plakat mit schwarzem Hintergrund, das den Text "Aufbau des jüdischen Heimatlandes - jetzt - Fonds zur Wiederherstellung Palästinas" zeigt, zusammen mit Bildern von Gebäuden, Hügeln und einem Sternsymbol.

Philipp Graf enthüllt Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und DDR-Verdrängung

Philipp Grafs neues Buch untersucht die vergessene Geschichte der jüdischen Gemeinde Halberstadts und das Scheitern der antifaschistischen Politik der DDR

In seiner Studie „Verweigerte Erinnerung“ zeichnet Graf nach, wie die einst blühende neo-orthodoxe jüdische Gemeinschaft der Stadt zwischen 1938 und 1942 ausgelöscht wurde. Gleichzeitig deckt er auf, wie spätere politische Systeme diese Vergangenheit ignorierten oder verfälschten.

Halberstadt war vor seiner Zerstörung ein zentraler Ort des Neo-Orthodoxen Judentums. 1938 wurde die Synagoge abgerissen – ein Moment, den Pfarrer Martin Gabriel später als Beginn des Niedergangs der Stadt bezeichnete. Bis 1942 waren fast alle jüdischen Bewohner:innen deportiert oder ermordet worden. Nur Willy Calm blieb zurück und fungierte als letzter offizieller Vertreter einer Gemeinschaft, die es nicht mehr gab.

Nach dem Krieg entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte, die 1949 eingeweiht wurde und zunächst an die Opfer von Zwangsarbeit erinnern sollte. Doch ihre Bedeutung verschob sich: 1969 wurde sie zu einem Ort für Treuegelöbnisse umgestaltet, und in den 1970er-Jahren diente sie zudem als militärisches Lager.

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Grafs Forschung zeigt, wie die DDR zwar eine antifaschistische Identität für sich reklamierte, das jüdische Erbe jedoch kaum bewahrte. Trotz einzelner Ausnahmen – wie den Schallplatten von Lin Jaldati oder Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – tilgte der Staat jüdische Kultur weitgehend. Diese Vernachlässigung hielt an, selbst als in späteren Jahrzehnten sowohl rechtsextremer als auch linksautoritärer Antisemitismus wieder aufkam.

Den Anstoß für das Buch gab 2018 der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen, der Vorwürfe eines „Verkaufs an die Juden“ auslöste. Graf plädiert dafür, die analytischen Instrumente von 1949 und 1989 neu zu überdenken, um modernen Antisemitismus und Autoritarismus zu bekämpfen.

Seine Arbeit stellt gängige Annahmen über den Umgang der DDR mit ihrer jüdischen Vergangenheit infrage. Das Buch fordert eine kritische Auseinandersetzung damit, wie Geschichte erinnert – und vergessen wird. Ohne diese Versäumnisse aufzuarbeiten, warnt Graf, könnten sich die gleichen Muster von Ausgrenzung und Verfälschung wiederholen.

Quelle