Jürgen Habermas stirbt mit 96 – ein Denker prägt Deutschlands Geist bis zuletzt
Lara BraunSteinmeier und Merz ehren verstorbenen Philosophen Habermas - Jürgen Habermas stirbt mit 96 – ein Denker prägt Deutschlands Geist bis zuletzt
Jürgen Habermas, Deutschlands einflussreichster zeitgenössischer Philosoph, ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Sein Tod am Samstag in Starnberg löste Würdigungen von politischen Spitzenkräften aus, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz. Beide betonten seinen tiefgreifenden Einfluss auf das geistige und öffentliche Leben des Landes.
Habermas prägte jahrzehntelang mit scharfem Verstand die politischen und philosophischen Debatten. Bekannt für seinen streitbaren Stil, setzte er sich mit Themen wie der europäischen Integration, der deutschen Wiedervereinigung und Krisen wie der Migrationswelle 2015 auseinander. Gemeinsam mit Jacques Derrida forderte er 2003 eine europäische Verfassung und ein demokratischeres Europa – und kritisierte dabei die Eliten, die die Bürger:innen an den Rand drängten.
Seine Stellungnahmen reichten von der NATO-Intervention im Kosovo über den Terrorismus bis hin zur Stammzellenforschung und der Bankenkrise. Als prägende Stimme des Suhrkamp Verlags beeinflusste er zudem Verlagswesen und öffentliche Diskurse. Steinmeier bezeichnete ihn als "großen Aufklärer", der die Widersprüche der Moderne analysierte und den demokratischen Dialog vorantrieb.
Merz würdigte Habermas' soziologisches und philosophisches Werk als grundlegend für Generationen von Wissenschaftler:innen. Der Kanzler hob seinen "unersetzlichen" liberalen Geist und seine intellektuelle Strenge hervor. Steinmeier betonte, dass Habermas bis zu seinem Tod politisch engagiert blieb und Deutschland ein "unermessliches Erbe" hinterlasse.
Sein Vermächtnis umfasst ein umfangreiches Werk und ein lebenslanges Eintreten für die deliberative Demokratie. Seine Ideen zu öffentlichem Diskurs und europäischer Einheit werden Politik und Wissenschaft weiterhin prägen. Führende Persönlichkeiten mahnten, seine Beiträge zu bewahren und die von ihm aufgeworfenen Herausforderungen anzunehmen.