
Kiels unsichtbarer Rettungsanker für Familien in Not im Nordhafen
Das ASB Familienzentrum in der Johannisburger Straße gibt sich nicht viel auf äußere Präsenz. Keine großen Schilder, keine Menschenansammlungen davor – nur eine schlichte Tür in Wassernähe, an der die meisten vorbeigehen, ohne sie überhaupt wahrzunehmen. Doch für Familien im Kieler Nordhafen, die am Limit leben, ist die Einrichtung längst zu einer Art Rettungsanker geworden.
Hier gibt es keine aufwendigen Programme oder Tage der offenen Tür. Keine Spielgruppen, keine Aushänge am Fenster. Stattdessen arbeitet das Zentrum eher im Hintergrund: Es hilft Eltern, sich durch den Behördendschungel zu kämpfen, greift ein, wenn familiäre Konflikte eskalieren, oder zeigt ihnen einfach Wege zu bezahlbarer Kinderbetreuung. Das Team – von Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr vor Ort – verbringt viel Zeit damit, Verbindungen herzustellen. Etwa wenn Eltern nicht wissen, wie sie Wohngeld beantragen sollen, oder wenn eine Familie so lange isoliert war, dass sie den Überblick verloren hat, an wen sie sich überhaupt wenden kann.
Ein offenes Haus im klassischen Sinne ist es nicht. Man findet hier keinen Aktivitätsplan und kein Schwarzes Brett mit Workshop-Angeboten. Dafür aber jemanden, der sich Zeit nimmt, ohne dass vorher Formulare ausgefüllt oder Hürden überwunden werden müssen. Genau das ist der Kern der Sache: wenig Aufwand, keine Bürokratie. Einfach Hilfe – oder zumindest ein Stoß in die richtige Richtung.
Das Gebäude selbst ist leicht zu übersehen. Eingequetscht zwischen Wohnungen und kleinen Läden nahe dem nördlichen Ufer, praktisch für Anwohner, aber nicht der Ort, für den man einen Umweg in Kauf nehmen würde. Die Bushaltestellen liegen in der Nähe, und mit etwas Geduld beim Kreisen findet man auch einen Parkplatz.
Interessant ist, dass die Einrichtung mit Landesmitteln finanziert wird – Schleswig-Holstein übernimmt die Kosten, was darauf hindeutet, dass jemand in der Politik die Versorgungslücken erkannt hat. Trotzdem hört man wenig darüber. Keine Bewertungen auf Google, keine begeisterten Elternpostings in lokalen Facebook-Gruppen. Vielleicht, weil die Arbeit hier eher im Verborgenen stattfindet. Oder weil diejenigen, die sie am dringendsten brauchen, nicht die sind, die darüber öffentlich schreiben.
Für die Familien, die hier landen, ist die Unterstützung handfest. Kiel ist eine Hafenstadt – Jobs sind unsicher, Wohnraum knapp, und Kita-Plätze schnell vergeben. Das Zentrum kann nicht alles lösen. Aber es ist vielleicht der Ort, den man anruft, wenn man nicht mehr weiterweiß. (Allerdings gute Miene machen, wer die Nummer leicht findet.) Manchmal reicht es schon, eine Tür zu haben, an die man klopfen kann – wenn alles andere unerreichbar scheint. Vor allem in einem Viertel, in dem die Hälfte der Kämpfe hinter verschlossenen Türen ausgetragen wird.

